2. BMXnet Seminar
2008 waren es 3 volle Tage
Vielen Dank an alle Teilnehmer, das diesjährige Seminar war super – hier ein ausführlicher Bericht aus dem EXPAND Magazin:
Nach der ersten BMXnet Conference (Fortbildungsveranstaltung für Tätowierer und Piercer) im November 2007, war es schon Ende Juli 2008 wieder so weit und BMXnet lud zur zweiten Conference in die beschauliche Kleinstadt Vluyn (Nähe Duisburg / Moers). Die Location (ehemalige Stadthalle) war allerdings gut gewählt, neben einem riesigen Saal gab es genug Platz für eine Expo, auf der sich die Sponsoren vorstellten und einen weiteren Vortragssaal für bis zu 100 Personen, sowie einen Videoraum und zwei Workshop Räume. Die Odyssee der Location Suche (wir berichteten in EXPAND 10) hatte sich also gelohnt.
Mit dem Wetter hatte man allerdings weniger Glück! Das Veranstaltungswochenende war wohl das heißeste und schwülste des Sommers – zumindest kam es einem so vor – denn auch die durchaus vorhandeneLüftung konnte eine Klimaanlage nicht ersetzen. Die Stimmung hatte allerdings kaum darunter zu leiden, durch die gebotene Getränke-Flatrate des Hauses gab es immer genug zu trinken und das Essen war auf mehrere Buffets verteilt und echt lecker. Spätestens bei der Pausengestaltung wurde das heiss-schwüle Wetter dann zum Vorteil und man begab sich raus auf die Terrasse zum BBQ in der Sonne (Bild rechts oben).
So viel zum Rahmen der Veranstaltung, der eigentliche Inhalt – die Seminare und Workshops, sowie das organisierte Rahmenprogramm (Bühnen Shows) – lohnt im Detail beschrieben zu werden.
Die Seminare
Die Seminare deckten – wie letztes Jahr auch schon – ein breites Spektrum von Tattoo über Piercing bis Scarification und Implants ab (siehe grauen Schaukasten rechts). Auffallend war auch dieses Jahr wieder der hohe Anteil Internationaler (besser US) Dozenten. Auf der einen Seite ein klarer Vorteil – wann trifft man Leute aus Übersee schon einmal persönlich und in so gemütlicher und offener Atmosphäre. Mit Steve Haworth, Paul King, Steve Joyner und Ryan Ouellette waren ja auch echte Piercing und BodyMod Legenden und Pioniere darunter und von Star-Allüren war absolut nichts zu spüren.
Das ist vielleicht der Punkt, der die BMXnet Conferences so besonders macht – der unbefangene und offene Umgang auf gleicher Augenhöhe – ein echter Austausch unter Kollegen, egal ob die aus den USA, England, Skandinavien, Italien, Spanien, Russland oder einem der anderen 21 Länder kommen, die bisher an der BMXnet Conferences teilgenommen haben – es konnte immer jeder noch vom anderen lernen.
Dennoch stellt sich die Frage wo denn die Deutschen Dozenten waren – erfahrene und gestandene Piercer und Tätowierer gibt es ja nun wirklich genug – leider sind die meisten hierzulande für Vorträge oder Buchprojekte (die Godoys z.B. schrieben ein Buch über Tätowiermaschinen) kaum zu haben. Aber es gibt auch Lichtblicke, so waren nicht alle deutschen Dozenten auf dem BMXnet Seminar Akademiker oder von außerhalb der “Tattoo & Piercing Industrie”; es wäre schön wenn sich dieser Trend und dieses Selbstbewusstsein festigt und es weiter mehr heimische “Pro‘s” gibt, die ihr Wissen und ihre Kompetenz gerne mit anderen Kollegen teilen und sich auch bei Vereinen wie z.B. dem BMXnet melden und engagieren.
Die Vorträge (Klassen) an sich waren im Schnitt je knappe 2 Stunden lang (einige gingen auch über 4 Stunden und mehr) und konnten natürlich oft nur einen Einstieg in die Materie bieten und Anregungen geben. Vertieft wurden die Themen oft direkt vor Ort in weiteren Gesprächen oder den Workshops und “Roundtables” (Diskussionsrunden). Die Struktur des Seminars Wochenendes und das Konzept niemanden auszugrenzen und zu beweisen, dass sämtliche Disziplinen der Bodymodification durchaus voneinander profitieren können und es reichlich “Schnittmengen” gibt, ist (noch) relativ einmalig in der Welt.
Einzig die APTPI in Italien bietet einen vergleichbaren Event: auf deren Conference werden zumindest Tattoo und Piercing zusammen behandelt (die nächste ist übrigens vom 18. bis 20. Januar 2009 in Mailand www.aptpi.org). Ansonsten erinnert der Ablauf der Klassen und der eng gesetzte Stundenplan an die APP Conference in Las Vegas – die allerdings ist nur für Piercer und thematisch / inhaltlich sehr auf die Richtlinien des APP abgestimmt. Aber auch dort tut sich etwas, nachdem es bereits in den vergangenen Jahren auch auf der APP Conference Roundtable zu Suspension und ähnlichen “Randgebieten” der Arbeit eines Piercers gab, werden dort die Überlegungen lauter – auch inspiriert durch die BMXnet Conference – praktische Workshops anzubieten und die Randbereiche weiter abzudecken.
Das wäre sicher eine gute Sache und schön, wenn auch einmal ein Signal, bzw. ein Impuls von Europa ausgeht; schwappen doch sonst die Ideen und Trends eher von den USA über den großen Teich zu uns. Wer weiss, vielleicht erleben wir irgendwann sogar eine BMXnet Conference in den USA. Die ersten “Rufe” danach werden zumindest schon lauter! Natürlich kommt das auch durch die US-Dozenten, die tragen diese Idee mit sich zurück in die Staaten, denn nicht nur die Teilnehmer waren vom Event begeistert und haben durch den Austausch etwas lernen können, auch den Dozenten ging es so. Einen guten Beitrag leistet allerdings auch die Fachpresse, so war z.B. auch Rachel von BME (das größte int. Internet Portal zu Bodymodification) vor Ort um einen Vortrag zu halten und natürlich vom Event zu berichten.
Die Teilnehmer
Generell scheint das BMXnet Team mit ihrer Veranstaltung einen Nerv getroffen zu haben. Der Bedarf an einem solch ganzheitlichen Event ist klar vorhanden und das nicht nur in Deutschland, wie die steigende Zahl der internationalen Teilnehmer zeigte (30% 2008 zu 20% 2007). Auch insgesamt konnte man zulegen, von 150 Teilnehmern 2007 wuchs die Conference dieses Jahr auf 250 Teilnehmer an.
Besonders erfreulich für die Veranstalter war dabei, dass nahezu jeder Teilnehmer auch Mitglied im BMXnet Verein wurde – mit etwas mehr als 250 Mitgliedern dürfte so in kürzester Zeit Deutschlands jüngste und größe Tätowierer und Piercer Vereinigung entstanden sein!
Besonders erfreulich war auch der gesteigerte Fokus auf das Tätowieren, gibt es an Fortbildungen in dem Bereich doch bisher sehr wenig (nur der DOT und die UETA veranstalten von Zeit zu Zeit Seminare). Dieses Jahr waren auch schon mehr als ein Drittel der Teilnehmer Tätowierer, 2007 war es nur ein knappes Viertel und das Interesse steigt. Es lohnt also Tätowierer, Piercer und Bodymodder zusammen auf einen Event zu holen, denn auch zwischen den “Disziplinen” kann jeder vom anderen lernen und die so entstehenden Kontakte und Freundschaften tragen schon erste Früchte – man rückt zusammen. Vielleicht inspiriert vom harmonischen Zusammensein und sicher auch dem “Druck” von außen rücken inzwischen auch die Tattoo und Piercing Verbände und Vereine näher zusammen.
So gründeten alle wichtigen Vereinigungen Ende dieses Jahres den Dachverband ATPV (Arbeitsgruppe der Tattoo und Piercing Verbände), um mehr miteinander als nebeneinander zu arbeiten.
Die Bühnen-Shows
Am Freitag und Samstag Abend gab es ein Show-Programm mit jeweils zwei Show Acts pro Abend. Diese konnten wohl nicht unterschiedlicher, kontroverser und damit auch nicht besser gewählt sein. Den Anfang machte die lustige, schnelle Fakir Show von Pain Solution, der als “Headmaster” die einzelnen Disziplinen der hohen Fakir Kunst präsentierte.
Konträr dazu war die Psycho Cyborg Show sehr düster, sehr blutig, martialisch und “cyborg-isch”. Ganz klar eine “shocking” BodyMod Art Performance, an der sich dann auch gleich die Geister schieden.
Einig hingegen ließ sich das Publikum von der Operafication Show verzaubern. Professioneller Operngesang, der kräftig “unplugged” gesunden wurde gepaart mit Suspension und einer dramatischen “Storyline” waren der Garant für eine Gänsehaut.
Dann – wieder ein schöner Kontrast – gab es die wohl verrückteste Suspension im Rahmen der Saviours Freak-Show in der Jussi (im Hasenkostüm) gegen Lassi in einen Wettkampf der Belastbarkeit des eigenen Körpers trat (beide ehemals Circus Mundus Absurdus) um dann Lassi eine Schuld wegen eines verpassten Gigs (von der Oslo SusCon) einlösen zu lassen in Form einer Guiche Suspension. Das die nicht klappen würde, war fast absehbar, aber der Versuch war ernsthaft, offensichtlich schmerzhaft, aber sehr, sehr unterhaltsam – UND – wie uns versichert wurde, soll es nicht der letzte Versuch bleiben! Man darf gespannt sein.
Zu guter Letzt wollen wir an dieser Stelle auf die Bühnen Crew hinweisen. Chandler und seine Superfly Suspenion Crew waren diesmal nicht selbst im Rampenlicht, sondern kümmerten sich mit ihrem Equipment und vollem Einsatz um das Rigging und fast alle Bühnen-Belange und sorgten für einen reibungslosen Ablauf der Shows.
Suspension Day
Am Montag nach dem Seminar Wochenende gab es dann noch ein wenig Entspannung bei BBQ und Suspension für alle, die sich einen freien Tag leisten konnten. Die Superfly Crew hatte ihr Equipment auf einem alten Burghof in Hattingen zwischen den Bäumen installiert und es gab einige wirklich schöne Suspensions bei bestem Wetter im Sonnenuntergang und gutem Essen. Auf jeden Fall ein entspannter Ausklang eines gelungen Wochenendes!



